Partisanenweg auf Pohorje, Slowenien

Mitteilungsbedürfnis in Sachen Erinnerungen

Als ich Michael Stein das erste Mal sah, hatte ich nicht die leiseste Ahnung, wer er war. Die Surfpoeten bespielten noch den Pavillion am Weinbergsweg, ich hin da, weil: ma schaun, was diese berühmte Berliner Lesebühnenszene eigentlich so treibt. Die Herren lasen Texte, Ahne (ich glaube, es war an jenem ersten Abend) eine Art Anti-Stuckrad-Barre, der Rest Standarts, die sicherlich ganz OK bis gut waren, aber sich nicht sonderlich fest in mein Gedächtnis einbrannten. Dann kam Stein, mit Uschi. Und kündigte ein Konzert mit Saxophon und Gesang an, er: Saxofon, Uschi: Gesang. Uschi war ein Dackel und schien mir besser singen zu können, als Stein spielte. Das ganze war erst nach gefühlten zwei Stunden vorbei. Das war das erste Mal, dass ich Angst vor Stein hatte. Ich hatte das sadistische Grinsen bemerkt. Da wollte ich auch auftreten. Aber war das möglich neben Stein? Wozu war der Mann fähig, wie sollte man daneben bestehen?
Viel später, als wir mehr oder weniger zufällig bei zwei, drei Gelegenheiten auf der selben Bühne gestanden hatten, wußte ich, dass er zu allem fähig war, was ein Publikum als Provokation empfinden konnte, dabei aber eine naive Freude am Spiel ausstrahlte, die mich heute an Andy Kaufman erinnert, von dem ich wiederum zu jener Zeit nichts wußte. Ich hatte nicht den Eindruck, Stein würde je Kollegen auf der Bühne willentlich in die Enge treiben, nur manchmal wurden die von Künstlern zu Publikum. Das war nicht seine Schuld, womit ich nicht sagen will, dass er das nicht wenigstens billigend zu antizipieren in der Lage gewesen wäre. Das ist jedoch ein ganz anderes Kapitel, das weniger von Stein handelt, wie gesagt, er hat die Leute ja nicht bigott gemacht, die kamen da schon so an. Da fällt mir ein: Ich bin der Künstler, und ihr seid das Publikum. Wird schon seinen Grund haben, das alles.
Genau. Nichtsdestotrotz bezeugte sein ebenfalls bisweilen recht naiv wirkendes Sendungsbewußtsein einen großen Respekt vor menschlicher Vernunft und Erkenntnisfähigkeit... Ah, deshalb denke ich immerzu naiv. Aber: auch das ist nicht seine Schuld. Von Bill Hicks hatte ich bis dahin ebenfalls noch nichts gehört.
Das zweite Mal Angst hatte ich vor Stein, als ich zum Beweis meiner künstlerischen Tätigkeit und der dabei erlangten Publikumszustimmung mehrere Familienmitglieder zu einer Leseveranstaltung eingeladen hatte und erst vor Ort erfuhr, dass Stein ebenfalls da sein würde. Ich dachte nur: hoffentlich jongliert er jetzt nicht mit Scheiße oder sowas in der Art. Lustig, dass er Jahre später im Kaffee Burger mit Klobürsten jonglieren sollte. Eine Nummer, die ich weiterhin grandios finde, was ich ihm auch gesagt habe. Viel hatten wir bei unseren sehr sporadischen zufälligen Begegnungen nicht zu reden. Ich habe ihn verehrt, wollte aber nicht gar so groupiemäßig daherkommen. Er war immer sehr freundlich, liebenswürdig, höflich geradezu, ... glaubt kein Mensch, oder? Stimmt aber.
Bei dieser Lesung, wo ich das zweite und, soviel darf ich verraten, letzte Mal Angst vor Michael Stein hatte, war er sehr sanft und literarisch aufgelegt, las zwei Texte, die unter anderem meine Mutter sehr beeindruckten. Als ich sie im vergangenen Jahr, bei Bekanntwerden von Steins Erkrankung darauf ansprach, konnte sie sich nicht mehr daran erinnern.

Edit: Bov und Heiko sammeln die Nachrufe.

16:34:49 am 25.10.2007 von tristan - Kategorie: Liebes Tagebuch

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